Totgesagte leben länger
Die Grenzregionen Österreichs und Tschechiens sind historisch, kulturell und wirtschaftlich aufs Engste miteinander „verwoben“, das zeigt die gemeinsame Geschichte der Textilerzeugung.
Von der Hausproduktion zur Manufaktur, von der Heimweberei bis zur umfassenden Mechanisierung, dem Aufstieg der Textilindustrie, bis hin zum Erlangen von Weltgeltung und schließlich dem Niedergang in einem globalisierten Markt und Rückzug auf wenige Nischen.
Diese Geschichte lässt sich aber in vielen Regionen Europas fast gleichlautend erzählen. In den deutschen Mittelgebirgen, dem Münsterland und dem Bayrischen Wald, in Sachsen, dem Ruhrgebiet, bis in den Elsass. Ebenso stolz auf die Kunst der Stofferzeugung ist man aber auch in der Schweiz, in Belgien und Frankreich, nicht zu vergessen in England, dem Mutterland der industriellen Revolution, - letztendlich, lässt sich in fast jedem europäischen Staat mindestens eine der traditionsreichen Textilregionen finden, die ähnlichen Konjunkturen unterworfen war.
Noch rascher als der Aufstieg, vollzog sich der Abschwung der regionalen und europäischen Textilindustrie, der eher einem Zusammenbruch glich. Allein in der Bundesrepublik Deutschland gingen zwischen 1955 und 1980 400.000 Arbeitsplätze in der Textilerzeugung verloren, seit 1980 weitere 450.000! Eine Dezimierung um 90% innerhalb nur einer Generation.
In Österreich vollzogen sich die Prozesse parallel, nur noch in Vorarlberg, dem Mühlviertel und dem Waldviertel gibt es eine nennenswerte Textilproduktion. In Tschechien erfolgte der Niedergang noch massiver, wenn auch etwas zeitversetzt: Während 1989 im Jahre der Grenzöffnung noch 246.000 Menschen im Bereich Textil arbeiteten, reduzierten sich die Arbeitsplätze in den darauffolgenden 13 Jahre auf rund 40.000, das heißt: 5 von 6 Jobs gingen innerhalb kürzester Zeit verloren, das waren täglich 43!
Man könnte nun den Kampf um Produktionsstandorte in einem globalisierten Wettbewerb verloren geben und den Abgesang auf die Europäische Textilgeschichte in den Museen anstimmen. Bei dem gegenwärtig herrschenden starken touristischen Interesse an alter Handwerkstradition und thematischen Erlebnispfaden, läge man damit durchaus im Trend. Aber mit einer rein musealen Darstellung wollte man sich nicht begnügen, - zumindest nicht im Museum Alte Textilfabrik in Weitra.
So lud man heuer zweimal in die Textilstädte Písek und Weitra zu internationalen Fachtagungen, die nicht bei historischen Analysen stehen blieben, sondern Zukunftsperspektiven der Textilerzeugung in Europa, am Beispiel Südböhmen und Waldviertel, aufzeigen sollten. Die Vielfalt der Themen und Anknüpfungspunkte erstaunte dabei Publikum, Vortragende und Organisation gleichermaßen.
Der Handelswissenschaftler und frühere Sekretär der europäischen Textilgewerkschaft Rudolf Godesar aus Belgien skizzierte den Zusammenbruch der europäischen Textilindustrie vor dem Hintergrund internationaler Handelsabkommen. Er appellierte eindringlich für neue Rahmenbedingungen, die ökologische und soziale Faktoren mitberücksichtigen, um globale faire Produktionsbedingungen zu schaffen.
Dass die Nischen, in denen sich die regionale Textilerzeugung zurückgezogen hat, gar nicht so klein sein müssen, zeigt die Firma Adient aus Strakonice (CZ). Miroslav Říha, Leiter der Entwicklungsabteilung hatte in den 80er Jahren selbst noch Filzmäntel entworfen, im Traditionsbetrieb Fezko, der über 200 Jahre lang, das „Fes/Fez“, die hier erzeugte türkische Kopfbedeckung im Logo hatte. Rechtzeitig erkannte man aber, dass der Betrieb nur mit Hightech-Textilien Zukunft haben könnte und sattelte auf die Produktion von Stoffen für die Automobilindustrie um. Nun ist man Teil der Marke Adient und gehört damit zu den Weltmarktführern. Über 25 Millionen Autos pro Jahr werden mit Know-How aus Strakonice ausgestattet. „Die Zeit der Schrumpfung ist vorbei, in unserem Betrieb leiden wir unter dem Mangel an Personal und Fachkräften!“ meint Ing. Říha, der mit seinem Team von rund 100 Spezialisten nach immer neuen Stoffen sucht, in denen zum Beispiel jede Menge Technik gleich mitverwoben ist.
So manche Nische haben auch die Waldviertler Textilbetriebe gefunden und das traditionsreiche Familienunternehmen Baumann Dekor ist nun in neuer Hand und scheint seine schlimmsten Zeiten hinter sich zu haben, man spürt Aufwind. „Die Zahl der Beschäftigten steigt wieder, unsere Spezialität sind die hochqualitativen Möbelstoffe, viele noch nach Mustern aus unserem eigenen Archiv, die wir in Hotels der ganzen Welt liefern. Besonders in Dubai, wo man eine eigene Verkaufsfiliale betreibt, ist die Nachfrage erfreulich groß!“ können Tina Wais und Mario Mohapp von Baumann Dekor berichten und ergänzt: „Die Kleinheit des Unternehmens ist auch eine Chance, denn nur wenige können in so kurzer Zeit auch sehr geringe Mengen herstellen und damit ganz individuell auf Kundenanfragen reagieren.“
Brigitte Temper-Samhaber, Leiterin des Museums Alte Textilfabrik und Initiatorin der Kongresse, hatte zu diesen nicht nur HistorikerInnen, wie Helena Steijskalová vom Südböhmischen Museum (Jihočeský Muzeum) in Budweis, sondern auch DesignerInnen, wie die Grand Dame des österreichischen Textildesigns „Vesna“, ErzeugerInnen oder den jungen Gründer des Labels Y/O/U Philipp Marouschek geladen. Sie stellt die Frage, inwieweit, der Trend zu nachhaltigen, fair erzeugten Textilien die Produktion in Europa stärken könnte, - eine Frage, die derzeit sehr unterschiedlich beantwortet wird, was sich auch beim Kongress in Weitra zeigte. Für Marouschek täusche die mediale Präsenz des Themas darüber hinweg, dass in der Realität 99 % aller Konsumenten immer noch zum billigen T-Shirt aus Bangladesch greifen. Während Godesar überzeugt ist: „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, Sozialdumping und Umweltverschmutzung nicht mehr belohnt werden, dann können auch in Europa auf die Textilindustrie wieder prosperierende Zeiten zukommen.“
Die Zahlen geben ihm Recht. Es ist bereits wieder ein Rückzug aus Asien zu bemerken, vermehrt wird in der Türkei, in Bulgarien erzeugt, - in Portugal kann man sogar von einem richtigen „Boom“ in der Textilerzeugung sprechen.
Besonders die Innovationen im Bereich „smart textiles“ sind europäisch und sowohl Österreich als auch Tschechien machen hier gute Figur: Tschechien ist mittlerweile führend im Bereich der angewandten Nanotechnologie, die Technische Universität in Liberec hält ein Weltpatent für die Produktion von Nanofasern und das erste energiesparende Handtuch der Welt, das 1/3 Wasser, Strom und Prozesschemie einspart, wird im Waldviertel gewebt.
Der Schlüssel ist aber nicht nur Innovation, sondern auch Kooperation. Und dazu wurden im September 2019 beim letzten Kongress in Weitra konkrete Schritte gesetzt!
Autor: Thomas Samhaber



